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Leserbrief: Die „Scholle“ – Idylle mit Schwachstellen

Leserbriefe
  • Erstellt: 18.05.2024 / 14:01 Uhr von Uta Sändig
Im Vorfeld der Kommunalwahl lud der Bürgerbeirat der Eigenen Scholle Vertreter der Parteien in getrennten Veranstaltungen zu einem Gespräch ein. Vergangenen Dienstag war die Linke dran. Bis dahin war die Scholle für mich, obwohl gebürtige Brandenburgerin, eine Art Niemandsland – jetzt ist sie Lieferantin von überzeugenden Beispielen für die Dringlichkeit unserer Forderungen im Kommunalwahlprogramm.
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Das geht bei den Angeboten des ÖPNV los, betrifft die Realisierung des Verkehrs- und des Schulentwicklungsplans und endet noch lange nicht bei der ärztlichen Versorgung der rund 4.300 Scholle-Bewohner. Etwa die Hälfte von ihnen sind Rentner, darunter nicht wenige Hochbetagte, also um die Achtzig und älter, viele leben mittlerweile allein, fahren nicht mehr Auto und sind mobilitätseingeschränkt.

Aus dieser Perspektive sind die Busverbindungen in die Innenstadt zumindest in den Abend- und Nachtstunden völlig unzureichend und Barrierefreiheit bleibt an vielen Stellen vorerst ein frommer Wunsch. Zumal die Straßen ohne Gehwege konzipiert wurden und die stetige Ausdehnung der Siedlung dazu geführt hat, dass mittlerweile bis zu 2,2 Kilometer Fußweg zwischen den einzelnen Haltestellen bewältigt werden müssen. Aber da dürfte sich ja problemlos Abhilfe schaffen lassen.

Auch der Einsatz von Kleinbussen und die Einrichtung einer Busschleife für den Nachtbus sollte machbar sein – meint man zumindest als naive Beobachterin. Die Signale aus der Stadtverwaltung sprechen eine andere Sprache: Der Baubeginn für den dringend notwendigen Fußgängerschutzweg Ziesarer Landstraße ist um mehr als ein Jahr verschoben worden. Wann eine flächendeckende Straßenbeleuchtung realisiert wird, steht in den Sternen.

Seit 2011 ziehen sich die Planungen für den neuen Bahnübergang an der Planebrücke hin. Der Unmut über diese Hinhaltetaktik wächst. Die unbefriedigende Wegesituation ist auch für viele Schulkinder – und deren Eltern – eine Herausforderung, nicht zuletzt für diejenigen, die keinen Platz mehr in der Grundschule am Krugpark abbekommen haben und in die Innenstadt pendeln müssen.

Die Krugparkschule wie auch Kita und Hort Windrad platzen aus allen Nähten; jetzt rächt sich, dass die Stadt 2016 das Gebäude der alten Krugparkschule verkauft hat (die Gegner dieser Maßnahme, darunter die Linken, waren in der Minderheit). Für das kommende Schuljahr ist der Plan, die Erstklässler in nur zwei Klassen á 30 Schüler unterzubringen, zwar nach massiven Elternprotesten vom Tisch – es wird drei Klassen geben –, aber wie es in den Folgejahren weitergeht, bleibt ungewiss. Weitsichtige Planung sieht anders aus.

Kein Wunder, dass sich die „Schollaner“ vernachlässigt fühlen, wenn es um die geplanten Infrastrukturmaßnahmen der Stadt geht. Stichwort Kultur- und Freizeitangebote: „Der SV Empor ist der kulturelle Anker der Scholle“, betont Vereinsvorsitzender Peter Friedling. Das Turnerheim und die zugehörigen Sportplätze fungieren nicht nur als Trainingszentrum für viele Sportgruppen, sondern auch als vielfältig nutzbar gemachte Begegnungsstätte der Scholle-Bewohner. Und alles in Eigenregie und rein ehrenamtlich. Von der logistischen und finanziellen Unterstützung der innerstädtischen Sportvereine kann der SV Empor nur träumen. Die Forderung der Linken, wenigstens die Ehrenamtscard durch handfeste Vergünstigungen aufzuwerten, erscheint hier zwingend notwendig.

Stichwort ärztliche Versorgung: Die letzte Arztpraxis auf der Scholle ist vor kurzem aus Altersgründen geschlossen worden, die Neuansiedlung eines Arztes ist laut Kassenärztlicher Vereinigung bis auf Weiteres nicht vorgesehen. Verwiesen wird auf das Gesundheitszentrum am Hauptbahnhof, das in weniger als einer Viertelstunde mit dem ÖPNV zu erreichen sei. Aber der ÖPNV … - siehe oben. Da sind die Einwohner von Kirchmöser oder Plaue, wo deutlich weniger Menschen leben, besser dran. Sogar Hausbesuche sind dort möglich.

„Wenn die Verwaltung wenigstens die eigenen Beschlüsse und ihre termingemäße Realisierung mit Nachdruck betreiben würde!“, wünschen sich die Mitglieder des Bürgerbeirats, und wenn man nicht öfter mal vergessen würde, sie bei Absprachen mit Vereinen und anderen Gruppierungen einzubeziehen, etwa bei der Kampagne „Brandenburg summt“. Auch die Bauaufsicht kommt bei ihren ohnehin seltenen Kontrollen nicht bis zur Eigenen Scholle, obwohl es durchaus Verstöße gegen die Brandenburger Bauordnung zu monieren gäbe, die z.B. in §8 illegale Grundstückserweiterungen und das Anlegen von Schottergärten verbietet.

Die finale Entwurfsfassung des Leitbildes der Stadt, die demnächst von der SVV beschlossen werden soll, schwärmt: „Barrierearme Wege im Grünen verbinden alle wichtigen Orte und Wohngegenden in Brandenburg an der Havel und laden ein, fit und aktiv zu bleiben.“ Von diesem Zustand ist die Scholle noch ein gehöriges Stück entfernt. Aber Papier ist ja bekanntermaßen geduldig – die „Schollaner“ sind es hoffentlich nicht.


Bitte beachten: Meldungen in der Rubrik "Leserbriefe" geben nicht die Meinung der Redaktion wieder, sie sind ein persönlicher Text des jeweiligen Verfassers. Einsendungen sind unter [info@meetingpoint-brandenburg.de] möglich.
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