Werner Verse spielte als Kind auf dem Gelände des Heeresversorgungsamtes in der Fohrder Straße. „Wir rutschen im Speicher die Rutschen herab“, erinnert sich der heute 91-Jährige. Er war auch dabei, als am 25. April wegen der anrückenden Panzer der Roten Armee die Fohrder Brücke gesprengt wurde. „Drei Frauen aus unserem Wohnhaus inklusive meiner Mutter waren auf dem Weg zum Görden, als einige Trümmerteile in ihrer Nähe niedergingen“, so Werner Verse.
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Seine Eltern kamen aus Pommern nach Jeserig, wo Sohn Verse 1934 geboren wurde. Sie hatten nicht viel zum Leben. So war es ein Glücksfall, als beide 1938 im gerade entstehenden Heeresverpflegungsamt eine Anstellung fanden. Vater Bruno arbeitete in den Werkstätten und Mutter Marie im Speicher. Unter kam die Familie in den Betriebswohnungen neben dem Verwaltungsgebäude. In dem Zweigeschosser wohnten sechs Familien. Während Vater Bruno 1939 in den Weltkrieg zog, blieb die Mutter mit den drei Kindern am Ufer des Silokanals wohnen.
Marie Verse arbeitete weiter im Speicher und die Kinder konnten sich auf dem riesigen Betriebsgelände frei bewegen. Nur in die Heeresbäckerei kamen sie nie hinein. Auf Soldaten stießen die Kinder nur selten, da der Betrieb überwiegend durch Zivilangestellte, Fremdarbeiter und Kriegsgefangene am Laufen gehalten wurde. Die An- und Auslieferungen erfolgten über den kleinen Hafen per Lastkahn oder über den extra verlegten Gleisanschluss per Eisenbahn.
Am 25. April 1945 rückten sowjetische Panzer auf das Gelände vor. Die Mutter floh mit den Kindern in Richtung Görden, als die Brücke gesprengt wurde. Auf dem Görden kamen sie in einem Bunker unter. Als Schüsse fielen und wenig später die Bunkertür geöffnet wurde, versteckte sich die Mutter unter einer Decke und die Kinder setzten sich drauf. Der sowjetische Offizier ließ sie aufstehen und als er sah, dass sich darunter eine Frau versteckte, verließ er den Bunker wieder.
Am nächsten Tag ging es zurück zum Wohnhaus. Doch da ein Bewohner ein weißes Tuch aus einem Fenster gehangen hatte, schoss ein deutscher Soldat eine Granate in das Haus, das danach brannte. Alles, was das Feuer überstand, wurde wie auch im benachbarten Heeresversorgungsamt anschließend geplündert. „An der zerstörten Brücke lag ein deutscher Offizier, der, so wurde erzählt, die Sprengung verhindern wollte“, berichtet Werner Verse. Daraufhin sei der Mann wohl standrechtlich erschossen worden.
Nach mehreren Notunterkünften fand die Familie noch 1945 in der Mühlentorstraße eine Wohnung. Vater Bruno kehrte kurz vor Weihnachten 1948 zurück zu seiner Familie.