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Dass die Biergewerke so eine Macht auf sich konzentrieren konnten, erklärt sich aus der überragenden Bedeutung des Handwerks in der früheren Zeit. Man kann sogar annehmen, dass sich der wirtschaftliche Ruhm einer Stadt nur auf gewisse, dort besonders geübte Handwerke stützte. Auch Brandenburger Erzeugnisse, wie Wein, Bier, Garn und daraus gefertigte Seile und Netze, Tuche und manch andere Erzeugnisse wurden seinerzeit außerhalb der beiden Städte verkauft. Blühte das Handwerk, so blühte auch der Handel. Mit dieser Blüte kam Geld und Wohlhabenheit in die beiden Städte. Man sprach hier häufig von einer „guten alten Zeit.“ Dies hat insofern seine Berechtigung, als jeder Meister, wenn er nur tüchtig in seinem Fach etwas leistete, die Möglichkeit besaß, viel Geld zu verdienen und zu sparen. Erst die Entwicklung der Großindustrie und deren Ausdehnung bereitete dem Handwerk durch die Massenabfertigung größeren Schaden.
Ehe ich auf das Biergewerke näher eingehe, muss ich erst einmal auf das Handwerk im Allgemeinen eingehen. Unter dem Wort „Handwerk“ versteht man die Herstellung von Dingen des täglichen Bedarfes, von Zubereitungen für die Lebensdurchführung durch die Tätigkeit der Hände. Daraus ergibt sich, dass das Wort „Handwerk“ die unterschiedlichsten Erzeugungsgebiete umschließt. Fast von Anbeginn der Existenz des Handwerkes finden wir in den beiden Städten Weber, Gewandschneider, Schuster, Schuhflicker, Bäcker, Fleischer (Knochenhauer), Tuchmacher, Garnmacher, Gerber, Färber, Kürschner, Schmiede, Brauer und Böttcher. Sie alle betätigten sich innerhalb ihrer Berufe, versorgten die Einwohner mit ihren Waren. Die Ausfuhr von Waren aus den Städten war aber nicht ohne weiteres gestattet, sondern galt früher als ein Vorrecht. Die einzelnen Städte trafen zum Wohle des Schutzes des Handwerks Schutzmaßnahmen, indem sie auf die ausschließlich außerhalb der Städte hergestellten Waren mit hohen Abgaben belegten, um den Kauf solcher Waren zu erschweren. Wir können hier von einer Art Schutzzoll sprechen, den es ja heute noch gibt.
Da das Handwerk von frühester Zeit an einen schweren Kampf ums Dasein führte, braucht man sich nicht zu wundern, dass sich die einzelnen Gewerke sehr bald zu Gilden zusammenschlossen. Aus Urkunden geht hervor, dass schon im Jahre 1253 die Knochenhauer, Bäcker und Schuster sich gewerklich vereinigten. Bereits schon zu dieser Zeit erkannte man, dass der einzelne schwach ist, die Gesamtheit aber Macht besitzt.
Jedes einzelne der geschaffenen Gewerke besaß seine Gewerkordnung. Diese Ordnungen regelten die Lehrlings-, Gesellen- und Meisterfragen, bestimmten über Warenpreise und Qualitäten der Erzeugnisse und legten schließlich die den einzelnen Gewerken eigentümlichen Bräuche und Abgaben fest. Hervorzuheben sind dabei die genauen Vorschriften über die Beschaffenheit der hergestellten Erzeugnisse.
Im Jahr 1386 vereinigten sich in der Neustadt die Gewerke der Knochenhauer, Bäcker, Schuster und Tuchmacher zum sogenannten Biergewerk. Neben diesem Biergewerk bestanden die Gilden der Schneider, Schmiede, Schuhflicker und Kürschner. Leinenweber wurden immer an letzter Stelle genannt, ihr Beruf galt als minderwertig. Ähnlich ging es den Garn- und Netzmachern. In der Altstadt war das ein wenig anders. In einer Urkunde werden dort an erster Stelle die Gewandschneider genannt, dann die Bäcker, Knochenhauer und Schuhmacher, dann die Wollenweber, Kürschner, Böttcher und Leinenweber.
Diese Gewerke standen nun an der Spitze des gesamten Handwerks. Die Weinbauern, Goldschmiede, Stellmacher und Färber, die in der Anzahl wesentlich geringer waren, klärten dies über ihren Reichtum. In der Neustadt waren letzten Endes die Fleischer, in der Altstadt die Gewandschneider führend. Jedes einzelne Gewerk besaß einen oder mehrere „Ältermänner“, die den Vorstand bildeten und mit der Obrigkeit verhandelten. Heute wäre dies wohl mit den Obermeistern gleichzusetzen. Zwei Mal im Jahr traf man sich mit den zum Biergewerk gehörenden Meistern, um über die Lage des Gewerkes zu sprechen. Auch in dieser Versammlung wurden neue Mitglieder aufgenommen. Für die Aufnahme musste eine eheliche Geburt und eine Befähigung für das Gewerk nachgewiesen werden.
Die Gesellen bildeten eine eigene Vereinigung. Ein einwandernder Geselle hatte sich zuerst in der Gesellenherberge zu melden und die Altgesellen zu bitten, sich als Fürsprecher für einen bestimmten Meister zu bemühen. Das war aber nicht so einfach, wenngleich der Bedarf eines Meisters an einem Gesellen dem Altgesellen schon im Vornhinein bekannt war. Es herrschte ein besonderer Brauch, der fast einer feierlichen Handlung gleichkam. Der wandernde Geselle gab am Stadttor sein Ränzchen ab und bat um Einlass in die Herberge. In der Neustadt befand sich eine solche Herberge in der Wollenweberstraße. Das Haus war außen mit allen in der Stadt gängigen Gewerbekennzeichen gekennzeichnet. In diesem Haus hat der Geselle den Herbergsvater um die Aushändigung des Werkzeichens gebeten. Ein Schmied erhielt z.B. ein Hufeisen, ein Böttcher eine kleine Tonne. Mit diesen Werkzeichen ging er zum Stadttor und holte sich sein Ränzchen ab. Zurück in der Herberge wurde der Neue dann durch den Altgesellen „geprüft“. Erst nach dieser Zeremonie wurde er dem neuen Meister vorgestellt. Interessant ist auch noch, dass der Geselle erst Mitglied wurde nach Zahlung einer Auflage an den Altgesellen. Die Zahlung ging an die Vereinigung der Gesellen. In Krankheitsfällen hatte der Geselle so eine Art Anspruch auf Beihilfe aus der Gesellenkasse.
Bis in das 16. Jahrhundert gedieh das Handwerk in beiden Städten bis zur höchsten Blüte. Von da ab ging es stark abwärts. Reibereien, Eifersüchteleien zwischen den Gewerken, Pestilenz und Hungersnot bereiteten den Verfall vor. Der Dreißigjährige Krieg mit all seinen Schrecken vollendete den Untergang der einst stolzen Gewerke. Nie wieder hat sich das Handwerk so entwickelt wie geschildert. Andere wirtschaftliche Anschauungen und Auswirkungen haben dies verhindert. Was sich erhalten hat, sind einige Gewerkekennzeichen, die man auch heute noch, wenn auch kaum sichtbar, in unserer Stadt sehen kann.
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