Kindertagespflege: Was etwas sperrig klingt, ist eine immer beliebter werdende Form der Kita-Alternative. In kleinen Gruppen werden Knirpse dabei in den ersten Lebensjahren von einer Tagesmutter betreut - ihr Haushalt wird dabei zur Mini-Kita. Gemeinsam wird das Essen zubereitet, es gibt Spielzimmer, pädagogisch-geschulte Betreuung und ganz viel Nähe. Diese Form der Kinderbetreuung noch bekannter zu machen und den Tagesmüttern und -vätern den Rücken zu stärken, das hat sich Birgitt Dawedeit vorgenommen. Sie ist die neue Vorsitzende des Verbandes der Kindertagespflege im Land Brandenburg. Im Meetingpoint-Interview erläutert sie, welche Aufgaben nun anstehen.
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Frau Dawedeit, Sie sind seit Kurzem Vorsitzende des Verbandes für Kindertagespflege des Landes Brandenburg. Was macht Kindertagespflege so wertvoll für die Entwicklung von Kindern?
Die ersten Lebensjahre sind prägend — und genau hier leistet die Kindertagespflege etwas, das man nicht einfach ersetzen kann. Kinder erleben Geborgenheit, Nähe und individuelle Zuwendung durch die Betreuung in einer sehr kleinen Gruppe ( max. 5 Kinder). Das ist kein „Nice-to-have“, sondern essenziell für ihre Entwicklung. Wir begleiten Kinder nicht nur, wir prägen ihre ersten Schritte in die Welt. Und das verdient deutlich mehr Aufmerksamkeit, als es derzeit bekommt.
Was hat sie persönlich motiviert, den Vorsitz zu übernehmen?
Ich habe gesehen, wie viel Herzblut Kindertagespflegepersonen investieren — und wie wenig Unterstützung sie manchmal dafür bekommen. Das hat mich nachdenklich gemacht, aber auch angetrieben. Ich möchte eine starke Stimme sein für diejenigen, die jeden Tag Großes leisten, aber selten im Rampenlicht stehen.
Viele Eltern schätzen die familiäre Atmosphäre in der Kindertagespflege. Welche Rolle spielt diese enge Bindung für die frühkindliche Entwicklung?
Diese Bindung ist das Herzstück unserer Arbeit. Kinder brauchen Sicherheit, um mutig zu werden. Dem Kind wird vermittelt, die Welt ist sicher, ich werde gesehen und verstanden. Bindung und Bildung formen eine feste Einheit. Studien belegen, dass die Qualität der Beziehung zwischen Kind und Betreuungsperson der wichtigste Faktor für die Qualität der Betreuung ist. In kleinen Gruppen entsteht eine Beziehung, die trägt — auch durch schwierige Phasen. Viele Kindertagespflegepersonen sind für die Kinder wie eine zweite Familie. Das ist ein Schatz, den man politisch viel stärker schützen und fördern müsste.
Was unterscheidet die Kindertagespflege von anderen Betreuungsangeboten – und warum ist gerade diese Vielfalt wichtig?
Wir sind kein Lückenfüller, wir sind ein eigenständiges pädagogisches Angebot. Die Kindertagespflege bietet Flexibilität, Nähe und eine Atmosphäre, die gerade für die Kleinsten ideal ist. Es ist höchste Zeit, dass wir aufhören, Betreuung gegeneinander auszuspielen. Kita und Kindertagespflege gehören zusammen — aber auf Augenhöhe.
Trotz ihrer Bedeutung hat die Kindertagespflege im Land Brandenburg einen schweren Stand. Woran liegt das, ihrer Meinung nach?
Weil sie politisch oft nur am Rand mitgedacht wird. Wir haben ein System, das auf dem Rücken der Kindertagespflegepersonen läuft: unterschiedliche Regelungen in den Landkreisen, komplizierte Verfahren, finanzielle Unsicherheiten. Das ist kein Zufall, das ist ein strukturelles Problem. Und es führt dazu, dass viele Kindertagespflegepersonen irgendwann sagen: „Ich kann nicht mehr.“
Wie würden sie die gesellschaftliche und politische Wertschätzung der Kindertagespflege beschreiben - und was müsste sich ändern?
Wir brauchen endlich klare, landesweit einheitliche Regeln. Wir brauchen eine Vergütung, die den tatsächlichen Aufwand widerspiegelt. Und wir brauchen eine Politik, die nicht nur verwaltet, sondern gestaltet. Wenn wir wollen, dass Kinder gut aufwachsen, dann müssen wir die Menschen stärken, die sie begleiten. Das ist keine Frage des Wollens, sondern der Verantwortung.
Wenn sie in die Zukunft blicken. Wie sollte die Kindertagespflege in 10 Jahren idealerweise aussehen?
Ich wünsche mir eine Kindertagespflege, die nicht mehr um Anerkennung kämpfen muss. Eine Kindertagespflege, die als gleichwertiger Teil des Bildungssystems gesehen wird. Mit stabilen Strukturen, guter Bezahlung und echter politischer Rückendeckung. Wenn wir das schaffen, dann schaffen wir Zukunft — für Kinder, für Familien und für unser Land.
Welche Botschaft möchten sie den Kindertagespflegepersonen, den Eltern und den politischen Entscheidungsträgern im Land Brandenburg mitgeben?
An die Kindertagespflegepersonen: Ihr seid unverzichtbar. Eure Arbeit verändert Leben. An die Eltern: Danke für euer Vertrauen - ihr seid unsere stärksten Verbündeten. Und an die Politik: Wer über Bildung spricht, darf die Kindertagespflege nicht länger übergehen. Es ist Zeit zu handeln. Gerade in schwierigen Zeiten und mit dem Geburtenrückgang sollte die Kindertagespflege , wie im Gesetz verankert, als gleichrangiges Angebot zur Kinderbetreuung gesehen, und auch so behandelt werden.
Die Begriffe Tagespflege und Kindertagespflege werden oft verwechselt, was verbirgt sich dahinter?
Die Wörter ähneln sich sehr. Tagespflege ist der Oberbegriff für verschiedene Formen der Betreuung. Er kann sich auf Kinder, Pflegebedürftige oder Senioren beziehen - es ist also ein allgemeiner Begriff für Betreuung am Tag. Kindertagespflege ist eine spezifische Form der Kinderbetreuung die von qualifizierten Kindertagespflegepersonen angeboten wird. Diese benötigen eine besondere Qualifizierung und eine Genehmigung vom Jugendamt für die Ausübung ihrer Tätigkeit.