Beim ersten CSD in Brandenburg an der Havel waren es kaum mehr als 100 oder 200 Menschen, gerade genug, um überhaupt auf der Straße statt nur auf dem Gehweg laufen zu dürfen. In den Jahren danach kamen pro Ausgabe 50 bis 100 Menschen mehr dazu. Am Samstag, 18. Juli, zieht der Demonstrationszug zum fünften Mal in Folge durch die Stadt, mit Musik, Redebeiträgen und einer Kundgebung am Springbrunnen vor dem Marienberg. Damit reiht sich Brandenburg an der Havel auch in diesem Sommer in die Liste vieler anderer Städte ein, die Vielfalt und Toleranz feiern.
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Los geht es um 14 Uhr am Hauptbahnhof Brandenburg. Veranstalter ist das Bündnis CSD Brandenburg an der Havel. Mit dabei sind auch Sophie Pusch, 30, Physik- und Mathelehrerin, und Dylan Loleit, 20, der gerade seine Ausbildung zum Industriemechaniker abgeschlossen hat. Sie sind unter anderem Teil der Initiative Havel der Vielfalt und der CSD-Orga in Brandenburg an der Havel.
Gegründet hat sich Havel der Vielfalt vor fünf Jahren, aus einem einfachen Wunsch heraus: einen Ort zu haben, an dem sich queere Menschen in der Stadt treffen können. "Wir haben uns gedacht, in Potsdam wurde schon gefragt, ob es auch etwas in Brandenburg gibt. Den queeren Stammtisch, den es früher mal gab, gab es da schon lange nicht mehr. Also haben wir überlegt, etwas Eigenes zu machen", erzählt Sophie Pusch. Aus der Idee wurde die queere Havelrunde, ein offenes Treffen, das mittlerweile jeden dritten Donnerstag im Monat im Haus der Offiziere stattfindet und Menschen zwischen 20 und über 40 Jahren zusammenbringt. Dylan Loleit kam eher zufällig dazu: "Ich wollte mir das eigentlich nur anschauen, dann wurde ich in eine Aufgabe mit eingebunden, und dann konnte ich auch nicht mehr sagen, ich will es nicht machen", lacht der 20-Jährige.
Dass der CSD wichtig ist, hat auch mit dem gesellschaftlichen Klima zu tun. "Es ist schon feindseliger geworden", sagt Pusch. Loleit berichtet von wiederkehrenden Vorfällen, Beleidigungen und Hass. Die Kritik, der CSD sei eine reine Festveranstaltung, weist Sophie Pusch klar zurück: "Wenn man den CSD irgendwann wirklich auch als Partyveranstaltung sehen kann, um zu feiern, dass wir sichtbar sind, das wäre schön. Aber ich glaube, der Weg dahin ist noch echt lang."
Entsprechend deutlich fällt auch die politische Forderungsliste der Veranstalter aus. Im Zentrum stehen eine Reform des Abstammungsrechts, queer-Beauftragte auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene sowie ein gesetzlich verankerter Schutz vor Diskriminierung, dazu ein Bleiberecht für queere Geflüchtete. Hinzu kommen dauerhafte Förderung queerer Projekte und Bildungsarbeit, der Erhalt von Räumen wie dem Haus der Offiziere und ein Ende von Pinkwashing bei Pride-Veranstaltungen. Im dritten Themenblock geht es um Sicherheit und Justiz: kostenlose, diskriminierungsfreie medizinische Versorgung und die lückenlose Aufklärung rechter Gewalt durch unabhängige Kommissionen.
Von der Stadt selbst bekommt Havel der Vielfalt inzwischen spürbaren Rückhalt. "Wir haben regelmäßig Kontakt mit Jeannette Horn, der Gleichstellungsbeauftragten hier. Wir sind auch schon bei Oberbürgermeister Daniel Keip vorgestellt worden. Der unterstützt uns wirklich auch aktiv, das gibt schon ziemlich Hoffnung, dass der Oberbürgermeister an der Stelle zeigt: Ich unterstütze das Ganze", so Pusch. Am Rathaus wurde in diesem Jahr bereits Flagge gezeigt: Einen Tag lang wehte die Regenbogenflagge über dem Gebäude. Der Wunsch nach einem dauerhaften Zeichen, einer festen Beflaggung, ist groß. Dennoch: "Es ist schon gut, dass Brandenburg das überhaupt macht, viele Städte haben so etwas gar nicht", betont die Lehrerin. Wie zum Beispiel in Rheinsberg: Hier gibt es den CSD überhaupt erst, nachdem sich der dortige Bürgermeister gegen das Hissen der Flagge ausgesprochen hatte. Die Rheinsberger entschieden daraufhin, ihre Vielfalt eben anders zu zeigen, laut und bunt auf der Straße.
Was ein Symbol wie die Regenbogenflagge bewirken kann, beschreibt Dylan Loleit so: "Das Zeichen ist bekannt, die Leute können einordnen, was dahintersteckt. Deswegen ist es ein gutes Zeichen, dafür einzustehen, auch als Stadt." Für Sophie Pusch hat der Regenbogen noch eine zweite Bedeutung. Als Lehrerin nutzt sie ihn, um Schülerinnen und Schülern zu zeigen, dass sie bei ihr sicher sind, und schmunzelt dabei über die Doppeldeutigkeit: "Ich bin Physiklehrerin, der Regenbogen gehört sowieso zu meinem beruflichen Feld."
Neu ist in diesem Jahr der Besuch von Sozialminister René Wilke, der das Amt erst im März übernommen hat und sich für diesen Sommer jeden Monat einen CSD im Land aussucht. Brandenburg an der Havel ist im Juli seine erste Station. "Er nimmt das ziemlich ernst. Er war schon mal bei unserem Vernetzungstreffen dabei und hat wirklich ein offenes Ohr dafür", betont Pusch.
Ihr eigentliches Ziel reicht jedoch über den einen Tag im Juli hinaus. Sophie Pusch und Dylan Loleit wünschen sich einen festen queeren Safe Space in der Stadt, perspektivisch auch mit einer Beratungs- und Teststelle, damit Jugendliche mit Fragen nicht erst in eine andere Stadt fahren müssen. Aus der bisher losen Gruppe soll dafür ein eingetragener Verein werden. Bis dahin bleibt vieles ehrenamtlich, neben Ausbildung, Schuldienst und Gewerkschaftsengagement. Pusch unterrichtet inzwischen in Rathenow, engagiert sich aber weiter für die Szene in Brandenburg an der Havel. Für das viele Engagement gehen auch mal ein paar Stunden Schlaf drauf. "Man will es ja nicht halbherzig machen", sagt Loleit dazu.
Darum geht es den beiden im Kern: um Räume, die bleiben, und um Sichtbarkeit, die wächst. "Wir sind alle hier willkommen. Wir wollen einen Raum für alle schaffen, an dem sie sich wohlfühlen, unabhängig von der sexuellen Orientierung", unterstreicht Sophie Pusch abschließend.