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Leben oder Sterben? – Norway.Today erzählt die eindringliche Geschichte eines geplanten Selbstmordes zweier Jugendlicher

Theater
  • Erstellt: 11.09.2020 / 08:24 Uhr von Sophie Artmann
Die Inszenierung von Norway.Today feierte am 5. September auf der Studiobühne des Brandenburger Theaters Premiere und wird auch nochmal am 14.9. zu sehen sein. August und Julie, gespielt von Fritz Schulze und Philina Kahl, lernen einander über ein Internetportal kennen. Erstmal ganz unbedenklich und wenig verwunderlich in der heutigen Zeit – bis Julie sich an die Zuschauer wendet, indem sie ankündigt, sie wolle sich bald umbringen und suche dafür eine Begleitung.

Sie fordert diejenigen im Publikum auf zu gehen, die sich nicht umbringen wollen. Daraufhin kehrt gespannte Stille in den eben noch flüsternden und murmelnden Reihen ein.

Ohne Umwege werden die Gäste des Abends in den Bann der teils traurigen teils lustigen Geschichte gezogen. Der Chatverlauf der beiden Jugendlichen wird auf eine netzartige Leinwand projiziert, durch die man das Bühnenbild hindurch erkennen kann. Sie verabreden gemeinsam zu sterben und reisen dazu nach Norwegen an eine schneeverwehte Klippe.

Von Beginn an hält die große Konkretion des Textes mit seinen direkten Fragen und den absurden Feststellungen der beiden Lebensmüden in Atem. „Alle tun so, als wären sie wer, und sind dabei jemand ganz anderes nicht“, erklärt August, ein naiver, neugieriger Alltagsphilosoph, der gar nicht weiß, worauf er sich eingelassen hat, als er mit Julie den „Selbstmordpakt“ eingeht. Das verbale Spiel zwischen den beiden regt in einem Moment zum Schmunzeln im nächsten zu ungläubigem Kopfschütteln an, so verblüffend klar geht die Verlorenheit der beiden aus ihren Worten hervor. Immer wieder adressiert Julie Bemerkungen direkt an die Zuschauer; „Leute, der weint“, sodass diese in eine unsichtbare Dreieckskonstellation geraten, der sie sich nicht entziehen können. Jeder Moment der beiden könnte der letzte sein. Ein emotionales Hin und Her, das sich immer weiter zuspitzt.

Die Bindung, die zwischen ihnen entsteht, passt ihnen zunächst gar nicht in den Kram. Doch wer sich zusammen umbringen will, der hat mit großer Wahrscheinlichkeit nicht nur ähnliche Gedanken, sondern auch ähnliche Ängste. Viele Fragen rund um die Themen Familie, Freundschaft, Liebe, Tod, Hass und Sex werden den Zuschauern gestellt, ohne dass die Zeit bleibt Antworten zu finden. So gelangt das Stück zu seiner Vielschichtigkeit. Die Frage nach „dem Sinn von all dem Mist“ bleibt ungeklärt. Und doch haben die beiden keine Zeit weiter nach Lösungen für „das Problem Leben“ zu suchen. Und gibt es die überhaupt?

Der Autor des Werkes, Igor Bauersima, lässt die beiden Charaktere immerzu am Rande des Abgrunds entlang balancieren und auch der Rand des Wahnsinns scheint zeitweise längst überschritten und doch hält keiner sie auf.
Auch die spektakuläre Beleuchtung in Kombination mit Sound und Musik begleitet und intensiviert die Atmosphäre des Stückes in besonderer Weise. Die beiden Protagonisten wünschen sich, nach allem was ihnen das Leben schon geboten hat, „Nichts“ - dabei wird dem Außenstehenden zunehmend bewusst, womit die beiden eigentlich ringen: Sie suchen einen Platz in dieser Welt.
Genau um diesen Fokus geht es auch der Regisseurin Daria Stratmann. Ursprünge und Gründe für den Suizidwunsch werden kritisch, sogar humoristisch hinterfragt. Antworten bleiben häufig aus, damit der Zuschauer auch über den Abend hinaus zum Nachdenken angeregt bleibt, das ist der jungen Regisseurin besonders wichtig. Sie selbst hat die Produktion ins Leben gerufen.

Gegen Ende der Vorstellung wollen die Protagonisten ein Abschiedsvideo für ihre Liebsten daheim mit dem Smartphone aufnehmen, scheitern jedoch an dem Versuch, das Ende ihres Lebens auf wenige Sätze zu reduzieren. „Ich konnte in alle Abgründe dieser Welt schauen und brauchte keine Angst haben. Ich wurde geliebt.“ Die Spannung bleibt zerreißend, als die beiden Hand in Hand auf das selbstgewählte Ende zu gehen.

Seit seiner Uraufführung 2000 avancierte Norway.Today zu einem wahren Theaterklassiker der Gegenwart, dessen zentrale Motive an Aktualität nicht verlieren. Mit packender Lebendigkeit gelingt es der freien Gruppe junger Medizinstudenten der Medizinischen Hochschule Brandenburg diesen schwierigen Stoff nicht nur aufzubereiten, sondern ihm eine künstlerische Einzigartigkeit zu verleihen. Auch an Modernität und Vielseitigkeit lässt die Inszenierung Stratmanns an Nichts zu wünschen übrig.

Für seine wirkungsstarke Umsetzung auf der Studiobühne des Hauses fordert dieser komplexe Text Bauersimas eine präzise, pointierte, schauspielerische Leistung, welche Kahl und Schulze an diesem Abend mit Bravur leisteten und so die Distanz zu ihren Zuschauern problemlos überwanden.

Mehr Infos & Karten: 03381/511 111 oder [brandenburgertheater.de]

Bilder

Foto: Brandenburger Theater
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