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Wie Fische im Aquarium - Das Theaterkollektiv Lunatiks überzeugt mit „Blühende Randschaften*Stadt_Ionen“ im Brandenburger Theater / Update

Theater
  • Erstellt: 19.09.2020 / 16:28 Uhr von Helga Stöhr-Strauch
Im dritten Teil der Reihe „Blühende Randschaften“ geht das Berliner Theaterkollektiv „Lunatiks“ einmal mehr der Frage nach, wie sich nach der Wende die Lebenswirklichkeiten von Menschen im Osten der Republik verändert haben. Nach *Stahl und *Gaststätte Aktivist geht es diesmal um die Jungen. Also um diejenigen, die nach dem Mauerfall geboren wurden und mehr oder weniger mit den Ausläufern der DDR, der Wiedervereinigung und den Befindlichkeiten der Elterngeneration konfrontiert wurden. Folgerichtig handelt es sich um die kleinsten elektrisch geladenen Teilchen unseres Universums: Die Ionen. Genauer gesagt um „Stadt_Ionen“.

Wie üblich bei Lunatiks basiert die Produktion auf Interviews von Betroffenen, die von den Theatermachern aufgezeichnet wurden und um die herum eine Handlung gestrickt wurde. Bei Stadt_Ionen geht es thematisch um die Vorbereitungen zum 30. Jahrestag des Mauerfalls. Szenisch befinden wir uns allerdings in einer sehr viel raffinierteren räumlichen Versuchsanordnung, bei der uns eine Gruppe junger Leute wie in einem Terrarium, einer Blase oder einer Peepshow präsentiert wird. Um sie herum sitzen wir Zuschauer hinter Corona-tauglichem Plexiglas wie isolierte Beobachter.

Wir alle tragen Kopfhörer, was einerseits noch stärker mit dem Gefühl von steriler Distanz, Künstlichkeit und Isolation einhergeht, andererseits aber auch ganz andere, neue und spannende Hörerlebnisse ermöglicht. Denn trotz vieler Rückblicke auf Vergangenes, auf Ängste der Eltern, Vorbehalte, Meinungen und Erinnerungen, geht es um die Gegenwart. Es geht um diese jungen Stadt-Menschen, die stellvertretend für die junge Generation stehen. Mit ihren eigenen Persönlichkeiten, Befindlichkeiten, Unvollkommenheiten, Sehnsüchten, Wünschen und Fragen. Sie schauen uns manchmal direkt ins Gesicht, als wären sie Fische in einem Aquarium. Sie erklären, dass sie nicht wissen, wieso die Welt so ist, wie sie ist. Dass sie vieles gerne anders hätten. Und dass die Eltern diese Welt nun einmal so gemacht haben. Sie klagen nicht an, sie jammern nicht und sie motzen auch nicht rum. Aber sie müssen mit all dem klarkommen: Der Umwelt, den Rechten, den Flüchtlingen, dem Klimawandel. Also mit ihrem Leben.

Und das tun sie auch. Auf originelle, anrührende, teils witzige und unbekümmerte Weise, die uns mittels Video-Einsprengseln präsentiert werden. Oder durch Monologe, die uns im Kopfhörer direkt erreichen und berühren. Oder durch wilde Tänze, bei denen immer auch ein großes Stück Verzweiflung mittanzt. Uns ist dabei ausdrücklich die Rolle des Zuhörers und Zuschauers zugedacht. Wir müssen einfach einmal stille sitzen, hinsehen und hinhören. Denn vielleicht verstehen wir so auch etwas von dem, was uns die Beteiligten an diesem außergewöhnlichen Projekt, also Ivan, Lenja, Falk, Felix, Jonathan, Milena, Dustin, Leo, Neele, Eva-Maria, Ilka, Heidrun, Hedwig, Elisa und Ivanka mitteilen möchten.

Das ist mutiges, spannendes und außergewöhnlich starkes Dokumentartheater, das als Coproduktion mit dem Brandenburger Theater und dem Schlossplatztheater Berlin entstand.

Tipp: Das Stück ist Sonntag, 18 Uhr, noch einmal auf der Studiobühne zu sehen.

Infos und Karten unter: Tel: 03381/511-111 oder [https://brandenburgertheater.de]

Bilder

Foto: Helga Stöhr-Strauch
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