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Interview mit Klaus-Peter und Stefan Tiemann zum Sende-Aus des SKB: "Es endet auch ein Kapitel Mediengeschichte des Landes Brandenburg."

Interview
  • Erstellt: 22.10.2022 / 19:01 Uhr von eb
Freitagabend hat sich das Stadtfernsehen Brandenburg (SKB) mit einer besonderen Sendung, einem Zusammenschnitt aus über 26 Jahren Lokalfernsehen, für immer von seinen Zuschauern verabschiedet. Im Interview sprechen Dr. Klaus-Peter Tiemann und Stefan Tiemann über ihre Beweggründe für das Sende-Aus und blicken dabei auch auf die Anfänge des Regionalsenders zurück.
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Vor 26 Jahren sind Sie mit dem Stadtkanal Brandenburg erstmals auf Sendung gegangen. Wie entstand die Idee selbst Regionalfernsehen machen zu wollen?
Klaus-Peter Tiemann: Aufgrund meiner Ausbildung und ingenieurwissenschaftlichen Studien wusste ich, wie Fernsehen technisch funktioniert. Doch in der DDR war Fernsehen, das heißt die Gestaltung, die journalistische Aufbereitung von Beiträgen und die technische Umsetzung allein dem Staat vorbehalten. Nach der Wende änderte sich das. Als Netzbetreiber mit Kabelnetzen in vielen Städten Brandenburgs speisten wir damals schon TV-Programme in unsere Netze ein. Durch dieses Wissen, einerseits um die technischen Anforderungen und andererseits um die Verbreitung von Fernsehen, kam ich schließlich auf die Idee einen lokalen Fernsehsender aufzubauen.
Die technische Realisierung von Fernsehen ist eine Sache. Für den Erfolg eines Senders sind Inhalte wesentlich. Wie sind Sie mit dieser Herausforderung umgegangen?
Klaus-Peter Tiemann: Wir haben ein Team zusammengestellt, das redaktionell arbeitete und die Verantwortung für die Ausstrahlung der Nachrichtensendung übernahm. Das Ganze war anfangs ein Lernprozess. Aber das Interesse der Menschen an unseren Sendungen war von Beginn an sehr hoch, das zeigten uns die Einschaltquoten. Diese lagen damals 10-fach über denen des RBB beziehungsweise vormals des ORB. Wir haben schnell erkannt, dass die hier lebenden Menschen sich selbst, ihre Stadt und Veranstaltungen im Fernsehen sehen wollten. Darauf haben wir mit unserer regionalen Berichterstattung reagiert.
Stefan Tiemann: Ich erinnere mich gerne an die Anfänge zurück. Niemand wusste genau, wie Fernsehen inhaltlich gemacht wird. Wir haben einiges ausprobiert und auf diese Weise schließlich einen eigenen Workflow gefunden. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben viel Know-how und persönlichen Ehrgeiz eingebracht, so dass wir immer pünktlich auf Sendung gehen konnten. Das SKB-Team war, gemessen an dessen Aufgaben, eher klein. Wenn früher jemand zum Beispiel wegen Krankheit ausgefallen ist, bin ich eingesprungen, war beim Dreh dabei oder habe Beiträge geschnitten. Auch das Logo habe ich maßgeblich mitentwickelt. Es war eine schöne Zeit und der Zusammenhalt im Team groß.
Lag das Erfolgsrezept des SKB darin, die Leute mit Geschichten über ihre Heimat abzuholen?
Klaus-Peter Tiemann: Ich denke schon. Aber wir waren nicht die Ersten, die privates Lokalfernsehen auf die Beine gestellt haben. In den alten Bundesländern gab es solche lokalen TV-Sender schon und wir haben geschaut, wie die das machen. Auch was rechtliche Rahmenbedingungen betrifft, mussten wir viel lernen. Kurz gesagt, für uns waren all diese Dinge absolutes Neuland, das wir aber gerne beschritten haben.
Warum verabschieden Sie sich nach 26 Jahren mit dem SKB von Ihren Zuschauern?
Klaus-Peter Tiemann: Die Informationsbedürfnisse der Menschen haben sich in den letzten Jahrzehnten verändert und mit ihnen auch die Medienwelt. Heute schauen weitaus weniger Menschen lineares Fernsehen als früher, sie greifen lieber auf Inhalte aus Mediatheken oder auf Streaming-Angebote zurück. Dazu kommt die schnelle Nachrichtenverbreitung über die sozialen Medien, wo Informationen ohne einen Zeitverzug bereitgestellt werden. Wir wollen heute immer sofort wissen, wo etwas passiert ist und in Echtzeit auf dem Laufenden bleiben. Diesem Bedarf kann eine Nachrichtensendung, wie wir sie produzieren, nur bedingt nachkommen.
Stefan Tiemann: Wir haben einen hohen Aufwand für die Berichterstattung des SKB betrieben, die Investitionen in unsere Technik waren entsprechend hoch. Mit Erfolg. Wir waren einer der ersten Lokalsender mit volldigitalisierten Arbeitsprozessen und schon am 26.11.2012, somit ein Jahr vor dem RBB, liefen unsere Sendungen in HD-Qualität über die TV- Bildschirme. Doch anders als in anderen Bundesländern gibt es im Land Brandenburg keine finanzielle Förderung für lokale Fernsehsender. Wir haben dennoch alles unternommen, um den Sendebetrieb aufrechtzuerhalten. Doch aus den zuvor genannten Gründen sowie angesichts immer weiter sinkender Werbebudgets ist für uns die Zeit gekommen, den SKB abzuschalten. Auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk werden demnächst aus Kostengründen vier Sender eingestellt.
Wie schwer fällt Ihnen persönlich der Abschied vom Lokalfernsehen?
Klaus-Peter Tiemann: Ich sage gerne, alles hat seine Zeit. Lassen Sie mich ein Beispiel nennen: Ich habe das erste Farbfernsehgerät der DDR mitentwickelt, den „Color 20“. Solche TV-Geräte waren damals hochmodern und sehr begehrt, heute sieht man sie mit etwas Glück noch im Museum. Ähnlich verhält es sich mit dem Lokalfernsehen, das war lange Zeit gefragt. Doch wir können uns vor der Entwicklung nicht verschließen und haben deshalb gemeinschaftlich entschieden, den Sendebetrieb des SKB zum 21.10.2022 einzustellen. Diese Entscheidung ist uns beiden nicht leichtgefallen, es ist natürlich auch Wehmut dabei. Aber als Unternehmer müssen wir neue Realitäten anerkennen und den Bedürfnissen des Marktes Rechnung tragen.
Woran werden sich die Brandenburger erinnern, wenn sie in fünf Jahren an den SKB denken?
Stefan Tiemann: Es endet auch ein Kapitel Mediengeschichte des Landes Brandenburg. Ich würde mich freuen, wenn sich die Zuschauerinnen und Zuschauer an viele schöne, interessante, humorvolle, nachdenkliche und durchaus auch kontroverse Beiträge und das wunderbare Team hinter den Kulissen erinnern würden. In all den Jahren haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit begrenzten Mitteln, dafür aber mit jeder Menge Herzblut, Leidenschaft, Kreativität und unermüdlichem Fleiß, Großartiges vollbracht. Dafür bin ich sehr dankbar und werde mich gerne daran zurückerinnern.

Die gestrige Abschiedsendung, ein Zusammenschnitt aus über 26 Jahren Lokalfernsehen, wird bis zum 31. Oktober ausgestrahlt.

Bilder

Klaus-Peter (links) und Stefan Tiemann. Foto: RFT Kabel
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