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Hacks-Lesereihe Teil 3: Ein Wiedersehen mit Rita Feldmeier

Theater
  • Erstellt: 30.08.2020 / 19:00 Uhr von Helga Stöhr-Strauch
Mit Peter Hacks’ Erfolgsstück „Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe“ endete am Wochenende die Lesereihe „Literatur im Grünen“ am Brandenburger Theater. Hacks, der 1955 wegen seiner politischen Überzeugung aus der BRD in die DDR übergesiedelt war und sich nach politischen Reibereien mit der DDR-Staatsführung fortan auf Märchen und historische Stoffe verlegt hatte, schrieb diesen großen Monolog um 1976. In ihm thematisierte er die enttäuschte Liebe der Hofdame Charlotte von Stein, die im Jahr 1786 am Hof der Herzogin Anna Amalia einem jungen Dichter und aufstrebenden Staatsmann namens Johann Wolfgang von Goethe Manieren beibringen sollte. Sie führte Goethe bei Hofe ein und schnell entwickelte sich ein ungleiches, leidenschaftliches Liebesverhältnis ...

... zwischen der zu diesem Zeitpunkt bereits siebenfachen Mutter und dem ungehobelten Genie, welches seinerseits nach 10 Jahren zu seiner berühmten Italienreise aufbrach und eine schwer enttäuschte Geliebte zurückließ.

Es verwundert nicht, dass dieser Monolog an über 200 deutschen Bühnen und in mehr als 25 Ländern gespielt wurde. Denn es ist ein starker Text, der einer Darstellerin viele Möglichkeiten bietet, sich in ihrer ganzen Bandbreite zu präsentieren. So auch auf der Terrasse des Brandenburger Theaters. Musikalisch begleitet von den Gitarrenklängen Martin K. Ludwigs schlüpft Rita Feldmeier mit dem Duktus der erlebenden Erzählerin bereitwillig in die Rolle der Hauptfigur Charlotte von Stein. Sie spielt diese Figur als lebenskluge, brillante und ihren Zeitgenossen intellektuell weit überlegene Persönlichkeit, die nicht nur ihre unglückliche Ehe, den Hof und den Adel, sondern auch ihren Geliebten sehr genau durchschaut. „Er war ein Lump. Ich erzog ihn. Jetzt haben wir einen erzogenen Lumpen“, sagt sie über Goethe. Und: „Er war ein Scheusal, das ich aus dem Seelengrunde liebte“.

Scheinbar mühelos gelingt es Rita Feldmeier die feine Balance zwischen intellektueller Überlegenheit und tiefer Demütigung auszutarieren. Nie gibt sie ihre Figur der Lächerlichkeit preis. Nicht als empörte Frau von Welt, nicht als genasführte Geliebte, als wutentbrannte Furie oder blutleere Adlige. Ihr gelingt ein besonderes Kunststück, indem sie scheinbar gar nichts tut, sondern den Text sprechen lässt, den Hacks im unverwechselbaren, für heutige Ohren leicht verschwurbelten Goethe-Stil geschrieben hat. So entpuppt sich der schwierige Monolog als ganz besonderer Ohrenschmaus, bei dem es einer modernen, scharfsinnigen und emanzipierten Frau gelingt, mit dezentem Witz die Geistlosigkeit ihrer Zeit erträglich zu machen.

Bilder

Foto: Helga Stöhr-Strauch
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