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5 Fragen an Psychologin Anja Lydia Bittcher: Corona verstärkt Themen wie unter Brennglas!

Interview
  • Erstellt: 27.02.2021 / 10:05 Uhr von Antje Preuschoff
Die Beratungsstelle Parduin des Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerkes (EJF) ist eine wesentliche Anlaufstelle in Brandenburg, wenn Menschen Hilfe in unterschiedlichsten Lebenslagen brauchen. Angeboten werden dort Erziehungs-, Familien-, Paar- und Lebens- sowie Schwangerschafts- und Schwangerschaftskonfliktberatung. Psychologin Anja Lydia Bittcher erzählt im Interview, was die Krise mit den Menschen macht und warum Corona für Brüche in Familien und Freundschaften sorgt.

Meetingpoint: Frau Bittcher, wie sieht der Beratungsalltag in der Corona-Zeit aus?
Anja Lydia Bittcher: Persönlich, vor Ort, ist die Beratung bei akuten Krisen weiterhin üblich. Andere, längerfristige Prozesse, begleiten wir nun über das Telefon oder die Videotelefonie. Die Beratung am Telefon ist natürlich nicht das Gelbe vom Ei. Da türmen sich die technischen Probleme, Informations- und Sinneskanäle fallen weg. Es ist dennoch besser als nichts. Und in einigen Fällen klappt es sogar besser, habe ich festgestellt. Etwa in der Schwangerenkonfliktberatung oder bei schambesetzen Themen. Da sinkt die Hemmschwelle.

Hat sich die Beratungssituation durch Corona verändert?
Anja Lydia Bittcher: Die Lebens- und Paarberatung hat deutlich zugenommen. Die Familienberatung ist weniger geworden. Vor allem während der Lockdownphasen. Das hängt damit zusammen, dass vieles nicht auffällt, weil die Kinder nicht mehr in den Institutionen sind, Dinge also nicht bemerkt werden. Aber auch damit, dass die Eltern häufig durch Betreuungsprobleme keine Zeit haben, um sich regelmäßig in die Beratung zu begeben. Nach dem ersten Lockdown gab es eine Anmeldewelle. Wir erwarten, dass nach der Öffnung wieder vermehrt Anfragen kommen.

Sind die Themen und Anliegen ebenfalls andere?
Anja Lydia Bittcher: Die haben sich tatsächlich verändert. In der Familienberatung geht es viel mehr um Ängste als zuvor. Es gibt Einschlafprobleme, zwanghaftes Verhalten der Kinder, verstärkt Geschwisterstreits.
Ein heftiges Thema ist der Medienkonsum. Das wurde noch einmal unendlich befeuert – durch das Homeschooling oder weil die Kontakte zu Freunden gehalten werden müssen, können die Eltern ja nicht einfach das WLan abschalten. Medien sind immer verfügbar, immer präsent. Onlinespiele, Fernsehen nehmen mehr Raum in der Freizeitgestaltung ein.
Ganz interessant ist, dass sich die Themen wie unter Brennglas verstärken: In einigen Familien nimmt der Stress zu, weil die Eltern im Homeoffice sind, und sich alle irgendwann auf den Senkel gehen. In anderen Familien wird es als schöne Zeit wahrgenommen, um mehr von den Kindern zu erleben. Das sind allerdings die Fälle, die wir selten in der Beratung haben.
Es geht derzeit darum, eine Ausnahmesituation zu händeln. Die Beratung wird dabei zum Teil auf ganz Praktisches herunter gebrochen, wie konkrete Ideen zur Beschäftigung der Kinder oder dazu, wie der Tag am besten strukturiert wird. Normalerweise sind die Familienberatungen zeitlich längerfristige Prozesse. Wie geht man mit Ärger oder Ängsten um? Wie gehe ich gut in Beziehung zu meinem Kind und setze ihm einen guten Rahmen?

Was bewegt die Menschen, die die Paar- oder Lebensberatung in Anspruch nehmen?
Anja Lydia Bittcher: Das ist ein ganz großer Unterschied, ob jemand in Familie, als Paar oder alleine lebt. Für Singles ist das eine unheimliche schwierige, belastende Zeit. Es bricht viel weg, allein schon die Wege nach draußen, um sich weniger abgeschnitten zu fühlen. Menschen in kontaktreichen Berufen stecken das noch besser weg als Menschen mit reinen Bürojobs. Viele sind nun sehr auf sich zurückgeworfen. Wer eine große Leere spürt, ist stark gefährdet, in Depressionen abzugleiten. Ich erlebe aber auch viel, dass die sozialen Beziehungen neu sortiert werden. Es bleiben die übrig, in denen man tiefen inneren Austausch hat, die unabhängig von gemeinsamen Erleben und Tun sind.
Bei den Paaren haben wir viele, die sich über das Außen regulieren, damit Abstand, Nähe und Distanz schaffen konnten. Für einige ist die derzeitige Situation schön, für andere nicht. Bei denen kracht es ohne Ende. Ich glaube sogar, dass es mehr Trennungen geben wird.
Außerdem splittet Corona als Thema Familien, Paare und Freundschaften. Da gibt es teilweise starke Brüche. Denn bei vielen werden die Grundthemen pointiert in den Blick gesetzt. Wer eher ängstlich ist, den springt das Thema als Bedrohung an. Wer verschleppte Selbstbestimmungsprobleme hat, ist anfälliger für Verschwörungstheorien.

Wird die Corona-Krise Ihrer Ansicht nach langfristige Folgen für die Gesellschaft haben?
Anja Lydia Bittcher: Das ist natürlich schwer zu sagen. Ich habe viele Menschen in der Beratung, die glauben, dass sie sich im Arbeitsbereich dauerhaft verändern werden. Die Digitalisierung wird eine größere Rolle spielen, weil sie durchaus Vorteile mit sich bringt, wie etwa die Zeitersparnis bei Meetings oder Arbeitswegen. Aber alle kriegen mit, dass der direkte Kontakt nicht zu ersetzen ist. Denn vieles läuft im Informellen (über Witze oder den entspannten Austausch in der Teeküche zum Beispiel). Das sind eklatant wichtige Dinge, die zu Absprachen und Vernetzungen führen.
Das Händeschütteln wird vielleicht wegfallen. Aber das Bedürfnis, sich zu sehen oder auch mal zu umarmen ist wieder deutlicher geworden, nachdem zwischenmenschliche Beziehungen lange unterbewertet waren.
Bei Kindern sieht das noch einmal anders aus. Insbesondere jüngere Kinder erleben gerade, dass Körperkontakt gefährlich ist. Daher haben wir so viele Kinder mit Ängsten.
Wir bemerken zudem generell, dass es bei Kindern zunehmende Probleme gibt, Bindungen einzugehen. Das fängt allerdings schon bei den Eltern an, die kaum Blickkontakt halten, ihre Kinder nicht in den Arm nehmen, nicht wissen, wie sie sie beruhigen sollen. Der hohe Medienkonsum verstärkt das. Dem echten Kontakt ist häufig das Smartphone vorgeschaltet. Das hat verheerende Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes, ihr Sicherheitsgefühl und die Ausbildung der Empathie. Ich befürchte, das wird über die Corona-Phase hinaus bestehen bleiben.

Bilder

Foto: privat
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