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Brandenburger Stimmen zum Europäischen Protesttag: Sybille Kluge bewegt sich blind durch die Stadt

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Stadtgeschehen

Erstellt: 29.04.2021 / 10:02 von Antje Preuschoff

Das Leben birgt viele Stolperfallen. Für Menschen, die nicht richtig sehen können, ist das nicht nur symbolisch gemeint. Jeden Tag stoßen sie auf Hindernisse: auf Wegen, in Gebäuden, bei Alltagserledigungen. Dabei gibt es viele Möglichkeiten, dem Abhilfe zu verschaffen. Das weiß Sybille Kluge, Vorsitzende des Behindertenbeirates der Stadt Brandenburg. Selbst erblindet, hat sie sich die Selbstständigkeit und die Stadt mit harter Arbeit zurück erobert – und geht nun voran, damit es für alle Menschen etwas leichter wird.

„Sehbehinderungen sind sehr unterschiedlich. Die betroffenen Leute erkennt man nicht im Stadtbild, wenn sie keine Hilfsmittel haben“, sagt Sybille Kluge. Sie selbst ist erkennbar, weil mit dem Stock unterwegs. So ertastet sie Unterschiede auf dem Asphalt, kann den Bürgersteigen folgen oder erkennt Hindernisse wie Straßenschilder.

Dieser zielführende Umgang mit dem Stock will erlernt sein: „Das geht nicht von heute auf morgen“, macht Sybille Kluge klar. Ein Mobilitätstraining ist notwendig, um sich Schritt für Schritt allein fortbewegen zu können. Es ist kein einfaches Unterfangen. Anfängliches Stolpern, wildes Tasten und manches Scheitern sind vorprogrammiert. „Auch wenn man es nicht sieht – man merkt, wie die Leute gucken“, erzählt Sybille Kluge über solche Situationen, sagt aber: „Den Prozess macht jeder durch“.

Die 56-Jährige trug recht früh auf Grund von Kurzsichtigkeit eine Brille, ist aber erst im Erwachsenenalter erblindet. Was sie noch wahrnehmen kann, sind Licht und Kontraste. „Kontraste sind wichtig“, sagt Sybille Kluge dazu. Nicht nur optisch, sondern auch haptisch. Wenn sie etwa über die Tischplatte streicht, kann eine Serviette unter der Tasse ihr zeigen, dass eben jene oben drauf steht. So kann sie zielgerichtet danach greifen.

Ordnung ist das nächste wichtige Element in ihrem Leben. „Zuhause hat alles seinen Platz“, erzählt Sybille Kluge. Und ganz wesentlich, wenn es nach draußen geht: „Es braucht Planung. So spontan, wie es mal war, ist es nicht mehr“. Denn wortwörtlich Unvorhergesehenes macht ihr zu schaffen. Etwa, wenn die Busse nicht in der angekündigten Reihenfolge an der Haltestelle eintrudeln.

Wenn dort per Knopfdruck die aktuellen Fahrgastinformationen angesagt werden, ist das eine Erleichterung. Ein solches System gibt es zum Beispiel in der Magdeburger Straße. Genauso wie Blindenleitsysteme mit Noppen- und Rillenplatten, die quasi „Stop“ und „Go“ signalisieren. In Gebäuden wiederum helfen „sprechende“ Fahrstühle oder Orientierungs-Leitsysteme. „Da stehen wir noch sehr am Anfang“, kritisiert Sybille Kluge jedoch.

Allerdings bewegt sie sich (für manch anderen) fast erschreckend souverän durch die Stadt. „Manche Außenstehende haben mehr Angst um mich selbst, als ich“, sagt Sybille Kluge. Für sie gilt: Was sie kennt, will sie selbst erobern. „Und Brandenburg kenne ich“, so die gebürtige Havelstädterin. Ihre Mitarbeiterin im Behindertenbeirat kommentiert das sinnbildlich: „Frau Kluge hat den gesamten Stadtplan im Kopf. Sie kann im wahrsten Sinne des Wortes blind durch die Stadt gehen“.

Ob solche Kommentare oder Floskeln wie „Wir sehen uns“ ihr gegen den Strich gehen? „Ich persönlich finde es nicht schlimm. Man sieht ja auch mit anderen Sinnen“, sagt Sybille Kluge dazu und meint: „Wenn man mittendrin sein will, muss man das akzeptieren. Man darf es nicht zu ernst nehmen, wenn man ein Handicap hat.“

Problem ist für sie eher, wenn „ich über die Eigenschaft definiert werde, die ,Blinde’ bin“. „Am Anfang hat mir jeder erzählt, was nicht geht“, erinnert sie sich. Tagtäglich zeigt sie nun jedoch, was geht. „Die Digitalisierung ist dabei eine große Chance“, erzählt Sybille Kluge, deren Finger über ihr Smartphone von App zu App fliegen. Deren Funktion wird für kaum verständlich angesagt. Denn die Geschwindigkeit, mit der die Vorsitzende des Behindertenbeirates sich ihre Termine, Nachrichten oder Berichte vorlesen lässt, ist gigantisch. „Übung“, meint sie schlicht.

Ihr Telefon und das Internet erleichtern ihr vieles, haben aber noch Ressourcen – wenn es um die korrekte Spracheingabe geht zum Beispiel oder um mangelnde Barrierefreiheit und schlechte Navigierbarkeit von Seiten.

Wo jedoch weder Technik noch bauliche Maßnahmen ihr helfen können, ist am Ende der Mensch gefragt. Sybille Kluge ruft vor Behörden- oder anderen ihr unbekannten Gängen an, lässt sich Wege und Abläufe detailliert beschreiben. Wenn sie in einen Bus steigt, fragt sie durchaus lautstark nach, ob es denn der Richtige ist.

Ihr wird natürlich Hilfe angeboten. Nur nicht immer so, wie sie die gebrauchen kann. „Wenn mich jemand in den Bus schiebt, ist das hinderlich“, sagt sie diplomatisch. Dabei ist die Gefahr groß, über etwas zu stolpern oder gegen etwas zu laufen. „Wer mich führt, geht immer einen Schritt voraus“, beschreibt die Brandenburgerin.

Am schönsten, so sagt sie, ist es jedoch, wenn jemand einfach fragt: „Kann ich ihnen helfen?“ Wie im ganz normalen Miteinander, so beschreibt Sybille Kluge es. „Aufeinander achten, Respekt zeigen und auch Toleranz. Die Eigenheiten aller tolerieren. Denn jeder ist anders“, meint sie. Und das hat nichts mit Beeinträchtigungen zu tun.

Im nächsten Beitrag am 1. Mai erzählen Elke Dahsel und Ralf-Ingo Franke vom Leben mit ihrer Behinderung: Beide sind auf den Rollstuhl angewiesen.



Dieser Bericht ist Teil einer Beitragsreihe anlässlich des Europäischen Protesttages zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen am 5. Mai. Eine Aktion des Beirates für Menschen mit Behinderung und dessen Kooperationspartner in der Stadt Brandenburg, gefördert von Aktion Mensch.
Fotos: Jacqueline Steiner

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Bilder


  • Sybille Kluge ist Vorsitzende des Beirates für Menschen mit Behinderung.

  • Sybille Kluge bewegt sich mit Bus und Bahnen durch die Stadt. Sie setzt sich unter anderem dafür ein, dass Haltestellen entsprechend barrierefrei gestaltet werden.

  • Blindenleitsysteme mit Noppen- und Rillenplatten signalisieren Menschen mit Sehbehinderungen, ob sie anhalten oder in welche Richtung sie sich orientieren sollten.


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